Graniczanka
Graniczanka
Konzept und Realisierung: Constanze Fischbeck, Karolina Sobel
Videoschnitt: Siska
Stimmen der Audioinstallation: Ewa Wasilewska, Johanna Hoth
Grafik: Stefania Smolkina
Technischer Aufbau: Adrian Lück
Performative Aktivierung durch Studierende der HGB Leipzig: Robin Becker, Tobias Fabek, Andolie Marguerite, Anna Volodina, Supervision: Anna Zett
Mit Dank an:
Milena Mushak (Bundeszentrale für politische Bildung), Ilse Lafer (Galerie der HGB Leipzig), Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und ZKM, Bogna Stefańska und Jakub Depczyński (The Office for Postartistic Services Warsaw), Aleksandra Arent, Anna Wilczyńska, Festival Politik im Freien Theater
Graniczanka wurde aus Mitteln der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) produziert.
Forschungsgruppe INTIMATE BORDER(S)
Gebiete, in denen Grenzen zweier Nationen aufeinandertreffen, werden meist als Peripherien der jeweiligen Staaten angesehen. Die Zone der Berührung zweier Nationalstaaten ergibt einen dritten Raum, in dem die Grenzregion selbst unterschiedlich erfahren und genutzt wird. Die Soziolog:innen Martina Löw und Gunter Weidenhaus schreiben Grenzräumen eine Doppelfunktion zu: „Grenzen schließen Räume gegeneinander ab, setzen sie jedoch gleichzeitig in ein spezifisches Verhältnis zueinander.“
Das Konzept der Intimen Grenzen untersucht, wie Re-Bordering-Prozesse innerhalb des Schengen-Raums, (rechts-)extreme politische Strömungen und Angriffe auf reproduktive Rechte persönliche Alltagspraktiken von Liebe, ökologischer Fürsorge und körpernahen Dienstleistungen beeinflussen.
Wie können in Zeiten politischer Polarisierung neue Dialogformate zu Migration und Grenzen entwickelt werden? Wie können die Konflikte zwischen nationalistischen Diskursen und den alltäglichen Realitäten, die durch globale Verflechtungen entstehen, sichtbar gemacht werden?
Die deutsch-polnische Grenze ist ein Gebiet, das, weil es erst seit 1945 eine nationale Grenze ist, mehr gemeinsame Geschichte hat als andere Grenzregionen. Deshalb steht das Paradoxon von Trennung und Gemeinsamkeit in dieser Region in einem besonderen Verhältnis zueinander.
Graniczanka kann man aus dem Polnischen mit „Grenzbewohnerin“ übersetzen. Die Installation interessiert sich für das Verbindende, das der Alltag der Grenzbewohner:innen mit sich bringen kann.
Die Installation Graniczanka in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zeigt die formelle und informelle Architektur der südlichen Neiße-Grenze in der Situation der beidseitig wieder eingeführten Grenzkontrollen im Sommer 2025.Das Video zeigt eine Fahrt vom Dreiländereck Polen, Tschechien, Deutschland bis zur Doppelstadt Görlitz - Zgorzelec und nimmt dabei fast alle verbliebenen Brücken in den Blick. 90% der Neiße-Brücken wurden 1945 von der deutschen Wehrmacht gesprengt, seitdem wurden nur wenige wieder aufgebaut. Sie sind heute einseitig blockierte Ruinen oder Grenzübergänge. Der Bau jeder neuen Brücke ist eine politische Geste.
Aufgrund des Währungs- und Preisgefälles zwischen beiden Staaten entstanden ab 1990 viele sogenannte „Polenmärkte“ auf der polnischen Seite der Grenze, aber auch in Berlin und Warschau.
In ihrem Angebot haben sie sich bis heute immer wieder verändert und den jeweiligen Bedürfnissen der Grenzbewohner:innen angepasst. In den Zufahrtsstraßen von Grenzübergängen befinden sich heute viele Dienstleistungsangebote, die vom Lohngefälle profitieren. Unter ihnen befinden sich im städtischen Raum besonders viele körpernahe Dienstleistungen, wie Friseur:innen, Kosmetikinstitute, Zahnärzt:innen, Sexshops, Nagelstudios, Massagestudios, 24 - Stunden - Pflegedienste und Kinderbetreuungsangebote. Ebenso fanden wir eine Vielzahl von Beratungsangeboten, die das Wissen von Grenzbewohner:innen zum beiderseitigen Vorteil weitergeben.
Auf welche Art unterläuft die alltägliche Praxis die politische Realität? Die Installation Graniczanka lädt dazu ein, am Wissen der Grenzbewohner:innen teilzuhaben, indem vier Beratungsstationen über zweisprachige Bildungseinrichtungen, Angebote körpernaher Dienstleistungen, ökologische Care - Arbeit und über die Beratungspraxis zu Schwangerschaftsabbrüchen informieren. Die Stationen bilden einen Innenraum für
"Graniczanki"; sie sitzen an schmalen Tischen, wo sich Beratende und Fragende nahekommen. Wer genügend Wissen erworben hat, kann sich per temporärem Tattoo als Graniszanka bezeichnen.
Die Fragen und Antworten der vier Beratungsstationen entstammen der bisherigen Recherche der interdisziplinären Forschungsgruppe INTIMATE BORDER(S), die seit Herbst 2024 an der deutsch-polnischen Neiße-Grenze forscht. In einem interdisziplinären Rahmen arbeiten Sozialwissenschaftler:innen mit Künstler:innen zusammen. Qualitative Forschungsmethoden werden dabei mit künstlerischen Praktiken kombiniert. Die Inhalte der Stationen wurden in bearbeiteter und anonymisierter Form aus Interviews mit im Grenzraum tätigen Beratungsstellen, Expert:innen oder aus Internetanzeigen generiert. In den Audioaufnahmen kommen Fragen und Antworten von jeweils verschiedenen Ratsuchenden, Kund:innen, Beratenden und Angestellten zusammen. Durch die meist geringe Sprachkenntnis des Polnischen auf der deutschen Seite verstehen die Teilnehmenden der grenzüberschreitenden Beratungsgespräche einander oft nicht. In diesem Fall nutzen sie KI-Übersetzungen von Smartphones.
Ziel der Installation in Form eines Pop-Up - Raumes ist, die Grenze als Schnittstelle oder durchlässige Zone, in der Wissen ausgetauscht wird und neue Beziehungen zum Ort erprobt werden, zu zeigen. Der Titel wurde von einem realen Shop geliehen - einem Haushaltswarengeschäft in Zgorzelec, einem Laden des täglichen Bedarfs.